Grünkohl mit Pinkel in OldenburgIn den Wintermonaten sind Grünkohl und Boßeln die lokale Passion
Nicht nur Sehenswürdigkeiten fürs Auge, auch Kulinaria für den Gaumen gilt es in Oldenburg zu beachten. Schon die Gründung der Stadt im Norden hatte mit Kulinarik zu tun.
Reisender, kommst du nach Oldenburg, so beachte drei Dinge: Führe allzeit und verschwenderisch die Worte „Moin, moin!“ im Munde. In Oldenburg hat man nämlich Zeit und grüßt sich. Schalte also zweitens einen Gang herunter. Das wird schon bei der Anfahrt gelingen, denn „Ollnburch“, wie man hier sagt, wirst du kaum im ICE, allenfalls im IC oder in einem RE erreichen. Drittens: Steige sodann aufs Rad um, denn Oldenburg ist eine Fahrradregion, oder gehe zu Fuß und passe dich dem gemächlichen Tempo der Einheimischen an. Du bist angekommen. Grünkohl mit Pinkel isst sich nicht einfach soGemach geht’s auch bei den leiblichen Genüssen zu, nahrhaft und deftig. Grünkohl mit Pinkel, Speck und Kassler ist in den Wintermonaten angesagt. Gleich am Bahnhof im Jugendstil-Restaurant „Klinkerburg“ lässt er sich probieren. Pinkel heißt die Wurst, die aus Zwiebeln, Hafergrütze und frischem Speck hergestellt wird, weil sie früher in die Pinkeldärme gefüllt worden war. Pinkel ist das nieder- oder plattdeutsche Wort für Mastdarm. Stadtführerin Hannelore Wehen meint: „Der Pinkel ist der Mastdarm vom Rind, doch heutzutage isst man mehr Fleischpinkel. Auf jeden Fall aber muss auf dem Grünkohl eine Fettschicht sein, sonst schmeckt er nicht.“ Sie koche ihren Kohl drei Stunden lang, echt slow. Doch das Oldenburger Nationalgericht isst sich nicht einfach so. Vorher wird auf einsam winterlichen Landstraßen gemeinsam geboßelt (eine Art Kugelweitrollen und -werfen) oder von Frauen im feuchten Nebel Besenweitwurf geübt. So holt man sich den nötigen Appetit auf dem langen Marsch zum Gasthof, auch Kohlfahrt genannt. Geselligkeit in der Gruppe heißt dabei die Devise. Zum Kohl gibt’s dann einen kalten Oldenburger Weizenkorn, klar und nordisch, und ein herbes Pils. Im Anschluss wird oftmals Rote Grütze mit Sahne serviert. Wer mehr darüber wissen will: In der virtuellen Grünkohl-Akademie wird das Thema mit Humor doch tiefschürfend behandelt. Dort kann sogar das Grünkohldiplom erlangt werden. Die Gründung Oldenburgs und der Name haben mit Aalen zu tun„Schon die Gründung der Stadt hatte mit Kulinarik zu tun“, erzählt Frau Wehen. Es gebe eine Urkunde aus dem Jahre 1108, in der Graf Egilmar I. das Wort „Aldenburg“ gebraucht habe. Darin hielt er fest, dass er für sein Seelenheil bzw. kirchliche Fürbitten dem Kloster Iburg zum Dank jährlich 90 Bündel Aale übergebe. Auf einem Spaziergang durch die Stadt lässt sich dann einiges an leiblichen Genüssen entdecken, denn hier geht es nicht nur um Grünkohl mit Pinkel, sondern um Oldenburgs vielfältige Kulinaria, die sich in Stadt und Umland genüsslich entdecken lassen.
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